“Die Angst vor den Ehec-Keimen hat in Deutschlands sonst so offenen Küchen eine bemerkenswerte Wirkung: Es ist ein backlash, der im technischsten Sinne des Wortes konservativ ist – eine Rückwärtsbewegung zum Eingemachten und Eingefrorenen.
Denn eigentlich ist ja Frische der zentrale Wert der Gesundheitswelle der letzten zwei, drei Jahrzehnte sowie der ganzen Promi- und Fernsehkochwelle der letzten Jahre: eine unverpackte, natürliche, erdklumpenbehaftete Frische, welche den industriellen Charakter der westlichen Lebensmittelproduktion unsichtbar machen und sich vom Einkaufskorb auf den essenden Menschen übertragen soll, der ohne Zusatzstoffe frischer lebt und frischer aussieht. Wie in anderen Warensegmenten, so soll auch bei den Lebensmitteln der Geschmack der Massenherstellung durch den Geschmack des individuellen, des guten alten Handwerks ersetzt werden, und die ländliche Frische ist der Garant dafür.
Nun aber, im Banne des gefährlichen Darmerregers, stellt sich ein seltsam gemischtes Gefühl bei den Mittelklassekindern der Wirtschaftswundergeneration ein. Zum einen ist da das schlechte Gewissen, aus hygienischen Gründen selbst all die abgepackten und vorbereiteten Massenprodukte wieder auf den Tisch zu holen, von denen man sich ja bewusst verabschiedet hatte – ebenjene Fertiggerichte, die man sonst gerne den eigenen Familien ausredet und den Kindern aus ärmeren Verhältnissen bei Schul-Aktionstagen abzuerziehen bemüht ist.”



