This is Kreuzberg

7 03 2011

“Das Maß ist voll!” Die Kultur geht kaputt!”

Ihr Hinterhof ist inzwischen eingekesselt von Restaurants, und in den anderen Etagen, sie zeigt nach oben, “da wird untervermietet”. Bis in den Morgen stehen die Leute bisweilen auf dem Dach und grölen. “Ausländer, Engländer, die können sich solche Wohnungen leisten”, sagt sie.

Ihre Familie, sagt sie, ist dieser Kiez. Aber wenn sie ihn durchquert, sieht sie keine blühende Stadtlandschaft mehr, sondern Verfall, Verlust, ein Viertel im Abstieg. Im Sommer, sagt sie, wenn die Reisebusse sich entladen, stinkt es nach Urin, liegt morgens einer besoffen im Container. “Das könnte man noch ganz lustig finden, wenn es nicht mit dieser Vertreibung einhergehen würde.”

Und der Thai, wo Lampions baumeln und es Cocktails für drei Euro vierzig gibt bis “open end”, “der ist ein Arsch, der beutet seine Leute aus”.

Was nach Profit riecht, wird hier durchgewunken, mein Elke Tietz, und die kleinen Wirte, die “Ureinwohner” müssen raus.

Sie steuert jetzt auf eine Eckkneipe zu, “da haben sich Spanier eingenistet”. Netter Laden, finden viele, sie findet das nicht. “Man fühlt sich da als Femder. Auch weil sich die Alterklasse verändert hat.”

“Selbst die Türken sind weichgespült. Parfüm überall und Handy am Ohr.” Seit Jahren ist sie von denen nicht mehr blöd angeredet worden auf der Sttraße. Na und? Fehlt ihr das? “Nee”, sagt sie. “Aber sie haben wenigstens die Touris erschreckt.” Die Touris, das ist hier ein Synonym geworden für die Vertreibung aus dem Paradies.

Elke Tiezt findet, dass es an der Zeit ist, ein bisschen unfreundlicher zu werden zu den Fremden. Wer sie dann fragt, ob es nicht sonderbar ist, dass ausgerechnet die Kreuzberger gegen Ausländer sind, guckt in ein verständnisloses Gesicht. Sie hat nichts gegen Ausländer, sagt sie, “es muss nur passen”.

“Klang, Klang, Klang”, sagt Elke Tiez und macht eine Handbewegung, als würde sie aus der Tiefe des Liegestuhls eine Pistole auf eine unsichtbare Fahrradschlange richten und abdrücken. Sei hat jetzt manchmal so “Gewaltphantasien”. Nein sie muss lachen, sie wird nicht schießen, nichtmal auf Touristen. “Ich bin praktizierende Buddhistin.”

Wenn  die Bewohner verdrängt werden und die Kiezkultur stirbt, bleiben die Gäste weg, sagt sie, “das muss schon gelenkt werden”.

“Was soll ich dennn mit fünf Asiaten in einer Straße?”, schimpt hinten eine Frau. Einer klagt, er habe jetzt Leute aus Marseille im Haus, den anderen stören “die Thailänder”.

“Das Pseudolibertäre, das hier durchweht, das macht uns kaputt. Wir brauchen mehr Staat!”

 

Dies alles sind Ausschnitte aus dem Artikel “Wir müssen draußen bleiben” in der Süddeutschen Zeitung vom 7.3.2011

 

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3 Antworten

8 03 2011
Student, der in seiner Heimat Berlin repräsentiert

Elke, du wirst uns fehlen! Aber im Weitlingkiez gibt’s bestimmt noch freie Wohnungen mit wenig Ausländern drumherum.

http://de.wikipedia.org/wiki/Weitlingkiez#Rechtsextremismus

9 03 2011
bechstein

Ich habe heute einen Radiobeitrag zur französischen Revolution gehört und wollte schon die ganze Zeit einen Satz schreiben wie:
„die Gentrifizierung frisst ihre Kinder!“

7 04 2011
This is Kreuzberg II « dissonanz

[...] Elke Tietz jetzt Waltraud [...]

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